Warum müssen Raucher immer husten?

Wir sitzen gespannt in einem Seminarraum und lauschen den Ausführungen eines Tierarztes zu verschiedenen Impfansätzen bei Tieren. Um uns einzubinden und seinen Vortrag interaktiver zu gestalten, stellt der Tierarzt zunächst die Frage: „Gibt es Raucher unter Ihnen?“ Tatsächlich meldet sich ein Teilnehmer per Handzeichen. Der Tierarzt fragt weiter, direkt an den Raucher gewandt: „Warum müssen Raucher immer husten?“ Darauf antwortet der Raucher „Ich muss nicht immer husten.“ Der Tierarzt übergeht die Rückmeldung und wiederholt seine Frage an den Raucher: „Warum müssen Raucher immer husten?“ Und wieder antwortet der Raucher „Ich muss nicht immer husten.“ Darauf fährt der Tierarzt fort: „Betrachten wir die Luftröhre, so ist sie besetzt von winzig kleinen Flimmerhärchen, die durch das Rauchen gelähmt werden …“

cigarette-110849_1280Was ist hier passiert? Reinhard Kahl, Gründer des Archiv-der-Zukunft-Netzwerkes mit dem Ziel die pädagogische Intelligenz gelingender Schulen zu zeigen und zu fördern, würde es „Ostereierpädagogik“ nennen: Der Tierarzt will die Teilnehmer mit einbinden, stellt jedoch eine Frage, zu der er eine ganz bestimmte Antwort braucht, um weiter fortfahren zu können. Die Antwort auf die von ihm gestellte Frage kann aber auf sehr verschiedene Begriffe erfolgen. Unser Raucher hat auf die Frage nach dem „immer“ geantwortet. Das war aber für die Zielsetzung des Tierarztes nicht fördernd. Er übergeht also diese Antwort. Genau in diesem Moment begibt er sich aus einer Position auf Augenhöhe in eine überhöhte Position. Sogar bei der zweiten Antwort – die dem Raucher ja wichtig ist, sonst würde er sie nicht wiederholen – wird er übergangen. Die Konsequenz: er verliert ein Stück weit das Interesse am Vortrag. Wenn es sich auch noch um jemand sehr empfindlichen handelt, kann er sich sogar beleidigt oder angegriffen fühlen.

Die Frage des Tierarztes mit der Absicht auf die Flimmerhärchen zu kommen, war schlicht und ergreifend nicht präzise genug gestellt. Hinzu kommt, dass er in der Situation die Spannung noch erhöht hat, dadurch, dass er gezielt nach Rauchern und dann einen Raucher gefragt hat.

Überlegen Sie einmal, wie oft Sie diese Art von Fragen stellen und damit statt eines echten Dialogs und einer konstruktiven Einbindung eine Hierarchieverschiebung bewirkt haben.

Wenn Sie beispielsweise als Führungskraft erreichen wollen, dass ihre Mitarbeiter verantwortungsvoller agieren und eigenständiger entscheiden, spielt genau die Qualität ihrer Fragen an diese Mitarbeiter eine große Rolle.

Auch als Redner oder in Präsentationen bewirkt die Qualität ihrer Fragen die Qualität ihrer Beziehung zum Zuhörer.

Da wir jedoch vom Kindergarten bis zur Schule nur lernen, Fragen zu beantworten, statt wirklich gute Fragen zu stellen, ist es allgemein akzeptiert, dass solche Fragen in Vorträgen oder Mitarbeitergesprächen gestellt werden.

3 Tipps – wenn Sie mit Fragen in ihren Vorträgen arbeiten:

  • Nehmen Sie ihre Frage ernst und nicht als Alibi

Wenn sie wirklich interessiert, warum Raucher husten müssen, bzw. was die Meinung eines Rauchers dazu ist – dann ist ihre Frage so richtig. Wenn Sie aber interessiert, was die Teilnehmer über die Flimmerhärchen wissen, dann fragen Sie sie auch danach.

  • Überlegen Sie, auf welche Kernbegriffe ihrer Frage könnte der Befragte antworten wollen

Der Raucher hat auf den Begriff „immer“ reagiert. Er hätte auch auf „Rauchen“ oder „müssen“ reagieren können. Vielleicht genießt er das Rauchen, macht es jedoch so selten, dass es überhaupt nicht zum Husten kommt.

  • Nehmen Sie die Antwort des Zuhörers ernst.

Wenn Sie die Antwort „Ich muss nicht husten“ bekommen, ihr Ziel aber nicht aus dem Auge verlieren, lassen Sie den Teilnehmer erst beschreiben, wie sich sein Rauchvorgang ohne Husten darstellt. Dann hat er sich ausgesprochen und nun können Sie neue Inhalte einfließen lassen: „Bei vielen Rauchern ist es nicht so, wie bei Ihnen. …“.

Mehr über die Kunst des Fragens erfahren Sie auch bei den Workshops „Mitarbeitergespräche führen mit dem 8×8“ oder „Verantwortung delegieren

 

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